Eine stille Revolution schreibt die Regeln des digitalen Vertrauens neu – und dieses Mal könnte ein einziger Nachweis dauerhaft wiederverwendbar sein.
Digitale Identität hat eine längere Geschichte, als die meisten annehmen. Die Frage, wie man sich im Netz ausweist, ist fast so alt wie das kommerzielle Internet selbst, und an Lösungsversuchen hat es nicht gefehlt: Login-Föderationen wie „Mit Google anmelden” oder „Mit Apple anmelden”, nationale eIDs, mobile Authentifizierung und bankbasierte Verifizierung. Jede Welle versprach, die Lösung zu haben. Doch jede scheiterte am selben Grundproblem: Das Vertrauen blieb innerhalb einzelner Organisationen gefangen.
Diesmal verändert sich in Europa etwas Grundlegenderes. Die Verifizierung ist nicht mehr das Ende der Geschichte. Der Nachweis selbst kann nun von einer Institution zur nächsten wandern, über Dienste und Grenzen hinweg, ohne jedes Mal von Grund auf neu erstellt zu werden.
Das Zeitalter der digitalen Credentials hat begonnen. Damit geht eine Neugestaltung der zugrunde liegenden Infrastruktur einher, auf der alles aufbaut – von der Kontoeröffnung bis zum Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen.
Banken bauen Vertrauen ständig von Null auf.
Jede regulierte Organisation folgt demselben Muster. Erscheint ein Kunde, prüft die Bank zunächst seine Identität, erhebt zusätzliche Informationen und dokumentiert die durchgeführten Checks. Eröffnet derselbe Kunde dann woanders ein Konto, beginnt der Prozess von vorn.
Jahrzehntelang wurde diese Doppelarbeit schlicht als Preis des Vertrauens akzeptiert. Jede Institution erstellte ihre eigene, verifizierte Version des Kunden, da das Ergebnis einer Identitätsprüfung selten über die durchführende Organisation hinausreichte.
Digitale Credentials stellen diese Logik infrage. Anstelle einer Verifizierung, die innerhalb einer Bank oder Behörde eingeschlossen bleibt, entsteht ein kryptografisch prüfbares Credential, welches der Person gehört und andernorts vorgelegt werden kann. Der Nachweis wird portabel.
Identität ist erst der Anfang.
Die Identität einer Person ist nur ein Teil dessen, was Banken zweifelsfrei feststellen müssen. Beim regulierten Onboarding müssen zunehmend spezifische Attribute verifiziert werden, wie beispielsweise eine Wohnadresse, eine Steueridentifikationsnummer oder eine persönliche Verwaltungsnummer, zusätzlich zu Identitätsmerkmalen wie Name oder Geburtsdatum.
Europas neuer Rahmen für digitale Identitäten basiert genau auf diesem Konzept. Personenidentifikationsdaten (PID) dienen der Identitätsfeststellung, während elektronische Attributbescheinigungen (EAA) und qualifizierte elektronische Attributbescheinigungen (QEAA) einen vertrauenswürdigen Nachweis für bestimmte Sachverhalte wie Adresse, Einkommen oder Berufsbezeichnung liefern.
Die Terminologie mag technisch klingen, doch das Konzept ist einfach: Anstatt jedes Mal das Originaldokument anzufordern, wird die Information einmalig geprüft und in ein vertrauenswürdiges Credential umgewandelt. Die nächste Organisation oder Interaktion muss somit nicht bei Null beginnen.
Dies ist für Banken insbesondere im Kontext der AMLR relevant. Die Verordnung beschränkt sich nicht nur auf die Identitätsprüfung, sondern verlangt auch die Verifizierung spezifischer Kundenattribute. Diese Attribute sind jedoch nicht überall in Europa über nationale Identitätssysteme verfügbar.
Die Herausforderung besteht nicht mehr darin, die Identität nachzuweisen, sondern alles, was darüber hinausgeht.
Eine neue Ebene der Banking-Infrastruktur.
Digitale Credentials existieren schon länger als das EUDI-Wallet. Im Jahr 2019 veröffentlichte das World Wide Web Consortium (W3C) seinen ersten Standard für „Verifiable Credentials”. Mit diesem Verfahren können digitale Aussagen kryptografisch überprüft und zwischen Organisationen übertragen werden.
Europa setzt diese Idee nun flächendeckend um. Gemäß eIDAS 2.0 muss jeder EU-Mitgliedstaat mindestens ein European Digital Identity Wallet bereitstellen. Dieses ist darauf ausgelegt, Identitätsdaten und Credentials grenzüberschreitend und dienstübergreifend zu speichern und vorzulegen.
Für Banken ist das Wallet der sichtbare Teil. Die eigentliche Veränderung liegt jedoch darunter: ein Ökosystem, in dem verifizierte Informationen zwischen Institutionen zirkulieren können, sodass sie nicht jedes Mal neu erhoben werden müssen.
Diese Idee existiert seit vielen Jahren, doch erst jetzt setzt Europa sie in Form von Infrastruktur um.
Die Ökonomie des Vertrauens verändert sich.
Wenn Vertrauen portabel wird, verändert sich auch die Zahl der damit übertragenen Informationen.
Betrachten wir den Adressnachweis. Heute bedeutet das oft, das Dokument selbst einzureichen. Mit einem Credential hingegen bleibt das Dokument, wo es ist, und es wird lediglich der verifizierte Fakt übertragen.
Die selektive Offenlegung geht noch weiter. So kann jemand nachweisen, dass er über 18 ist, ohne sein Geburtsdatum preiszugeben, oder ein Attribut bestätigen, ohne alle Informationen offenzulegen, die zu dessen Feststellung herangezogen wurden.
Für Banken könnten weniger wiederholte Prüfungen sowie weniger zu erhebende, zu verarbeitende und zu speichernde Dokumente zu niedrigeren Betriebskosten führen. Wenn weniger personenbezogene Daten den Besitzer wechseln, wird Datensparsamkeit zu einem Architekturprinzip und nicht zu einer Nebensache.
Auch das Sicherheitsmodell verändert sich. Bei der digitalen Verifizierung dreht sich noch immer oft alles um eine einzige Frage: Sieht dieses Dokument echt aus? Credentials ersetzen diese visuelle Beurteilung durch eine kryptografische: Wer hat es ausgestellt und wurde es verändert?
Das Ergebnis ist eine subtile Umkehrung des bestehenden Systems, bei der nicht die Unterlagen reisen, sondern der Nachweis.
Das digitale Credential ist der neue Reisepass.
Der Reisepass hat das Reisen verändert, da die Aussage eines Landes über die Identität einer Person anderswo verstanden und anerkannt wurde.
Digitale Credentials übertragen dieses Prinzip ins Internet und erweitern es über die Identität hinaus auf verifizierte Attribute.
Ein Dokument ist ein Träger von Informationen, der bei jeder Vorlage erneut überprüft werden muss. Ein Credential ist der verifizierte Fakt selbst, der einmalig von einer vertrauenswürdigen Stelle ausgestellt wird und überall anerkannt wird, wo er vorgelegt wird.
Für Banken mag die Regulierung der unmittelbare Treiber sein und eIDAS 2.0 sowie AMLR sind da keine Ausnahme. Sie werden ihre Systeme anpassen, neue Methoden zur Identitäts- und Attributprüfung integrieren und sich in einem noch im Entstehen befindlichen Ökosystem zurechtfinden müssen.
Der Unterschied besteht darin, dass diese Komplexität diesmal mit einem ungewöhnlichen Versprechen einhergeht: Vertrauen übertragbar zu machen. Anstatt dass jede Institution (und jeder Markt) eine eigene Methode zur Feststellung derselben Fakten entwickelt, könnten Credentials diesen Angaben eine einheitliche Form der Weitergabe ermöglichen.
Seit Jahrzehnten entwickeln Banken eigene Systeme, die darauf ausgelegt sind, immer wieder dieselbe Frage zu beantworten: Können wir den Angaben dieses Kunden vertrauen?
Ebenso lange haben sie dafür Dokumente gesammelt. Dabei stellte sich heraus: Was sie wirklich brauchten, waren Fakten.
Erfahren Sie, wie die IDnow Trust Platform Ihre Identitätsprüfung vom Onboarding bis zum gesamten Kundenlebenszyklus kontinuierlich aktuell hält.
Weiterlesen
- So wählen Sie den richtigen AMLR-Anbieter aus. Ab Juli 2027 ersetzt die AMLR die nationalen Geldwäschevorschriften durch eine einheitliche EU-weite Verordnung. Nicht alle Anbieter werden darauf vorbereitet sein. Hier erfahren Sie, wie Sie das prüfen können.
- Qualifizierte elektronische Attributbescheinigungen (QEAAs) — IDnow-Glossar. QEAAs sind die Bausteine portabler Vertrauensnachweise – rechtlich anerkannte digitale Zertifikate, die spezifische Attribute bestätigen, ohne mehr Daten als nötig preiszugeben.
- Wie mehr Vielseitigkeit in Ihrem Onboarding-Prozess im Kontext der AMLR-Identitätsverifizierung helfen kann. Eine einzige Verifizierungsmethode bedeutet auch einen einzigen Schwachpunkt. Warum Vielseitigkeit in Ihrem Onboarding-Prozess unter der AMLR nicht optional ist, sondern der Unterschied zwischen einem abgeschlossenen Vorgang und einem verlorenen Kunden.
Von

Nikita Rybová
Customer & Product Marketing Manager bei IDnow
Verbinden Sie sich mit Nikita auf LinkedIn
